Blackbook – Different
VÖ 03.04.2026
Rezension von Jonas
Es ist Anfang April, draußen riecht es nach Frühling und Schokoladeneiern, und dann liegt da plötzlich Different von Blackbook auf dem Tisch. Das dritte Studioalbum des schweizerisch-niederländischen Duos, erschienen am 3. April 2026 via darkTunes Music Group. Erhältlich als limitierte CD, auf Vinyl und digital. Wer sich vorab ein wenig umgehört hat, dem wird aufgefallen sein, dass die Meinungen in der Szene verdächtig ähnlich klingen. Überall liest man von starker Atmosphäre, von 80er-Charme gepaart mit moderner Produktion. Da wird man hellhörig. Entweder hat man es hier tatsächlich mit etwas Besonderem zu tun, oder der Pressetext hat seine Runden gedreht. Also Kopfhörer auf und selbst herausfinden.
Der Opener „Nobody Loves You“ legt direkt los. Ein knackiger Beat, dazu eine Old-School-Choir-Lead-Melodie, die sich sofort festsetzt. Etwas über drei Minuten Laufzeit, kompakt und ohne Umwege. Man merkt hier bereits den Hintergrund der Macher im Bereich kommerzieller Musikproduktion, wo kurze, punktgenaue Singles nach wie vor das Mittel der Wahl sind. Das ist nicht negativ gemeint, der Song kommt auf den Punkt und verschwendet keine Sekunde. Einer der besten Songs auf dem Album.
Mit „Suffer In Silence“ folgt einer der stärksten Momente des Albums. Atmosphärisch und verträumt startet der Track, bevor er in einen bandtypischen 80er-Retro-Sound übergeht. In der Bridge schimmert kurz etwas durch, das einen stilistisch an Bananarama denken lässt, was den Retro-Rahmen nochmals unterstreicht. Hier passiert etwas, das dem Album an anderer Stelle gelegentlich fehlt. Die Musik wirkt weniger kalkuliert, dafür spürbarer. Als würde sie für einen Moment aufhören, perfekt sein zu wollen, und stattdessen einfach atmen. Genau in solchen Augenblicken zeigt sich die Band von ihrer interessantesten Seite.
Der Titeltrack „Different“ nimmt das Tempo bewusst zurück. Etwas Depeche Mode aus ganz frühen Tagen klingt hier durch. Textlich positioniert sich der Song als eine Art Manifest. Anderssein nicht als Makel, sondern als Kraft. Das klingt nicht aufgesetzt, der Song transportiert diese Haltung glaubwürdig und bleibt dabei angenehm direkt.
„Never Look Back“ reduziert nochmals und setzt auf Minimalismus, was die Vocals in den Vordergrund rückt. Kein Song mit offensichtlichem Hitpotential, aber ein Track, der dem Album Raum gibt und als ruhiger Kontrapunkt funktioniert. Danach wird es mit „Technophobia“ wieder clubtauglicher. Hier haben Blackbook kreativ gearbeitet, etwa mit einem Lead-Sound, der maschinell klingt und damit das Thema des Songs klanglich aufgreift. Gelungenes Detail. Der Refrain geht ins Ohr, erinnert in seiner Anlage aber an andere Stücke des Albums.
„Wait Until Midnight“ bleibt auf Club-Kurs, bekommt aber gegen Ende durch eingestreute Glockenschläge, die stimmungsvoll Mitternacht einläuten, eine eigene Note. „I Am Not A Robot“ gibt sich mit Vocoder-Einsatz und einem forschen Retro-Beat betont lässig in den Strophen und setzt im Refrain auf die bewährte Blackbook-Formel. „Unlovable (Thank You For Hating)“ dreht die Energie dann spürbar hoch. Eine kräftige Bassline trägt den gesamten Track, und typische 80er-Bells schmücken den Refrain. Das macht Spaß und lädt sofort zum wiederholten Hören ein.
Mit „Stay Strange“ geht es wieder in ruhigere Gewässer. Schöne Melodien, klassische Beats und im weiteren Verlauf sogar Trompeten, die dem Song eine unerwartete Farbe verleihen. „Eternal Glory“ dagegen gehört zu den auffälligsten Nummern des Albums. Schnell, tanzbar, mit einem gewissen Eigensinn. Hier wurde einfallsreich mit einem Choir-Sample gearbeitet, was dem Track etwas verleiht, das auf dem Rest der Platte selten ist und zwar eine echte Überraschung. Ein Song, den man sich problemlos auch in einem Filmabspann vorstellen könnte.
„Addicted“ reiht sich dann wieder in das vertraute Muster ein. Tanzbar, retro, Strophe-Refrain-Baukasten. Das funktioniert beim ersten Hören, hinterlässt beim dritten Durchlauf aber auch das Gefühl, diesen Song in Variationen schon mehrfach auf dem Album gehört zu haben. Der Closer „There’s Something Coming“ bietet dann nochmal einen anderen Akzent. In den Strophen klingt etwas mit, das einen an Kim Wildes bessere Momente denken lässt. Ein solider Abschluss, der das Album stimmig im Retro-Gewand verabschiedet.
Was nach zwölf Songs bleibt, ist ein zwiespältiger Eindruck. „Different“ läuft bemerkenswert gleichmäßig durch. Es gibt keinen Moment, der einen wirklich aus dem Sessel holt, keinen Song, der plötzlich alles auf den Kopf stellt. Das hat seine Vorzüge, denn das Album lässt sich hervorragend am Stück hören, ohne dass man je den Wunsch verspürt, einen Track zu überspringen. Gleichzeitig fehlt aber genau jener eine Moment, der im Gedächtnis brennt. Das gewisse Etwas, das aus einem guten Album ein besonderes macht. Alles hier ist hochglanzproduziert, man hört Profis bei der Arbeit. Der visuelle Auftritt mit den Fechtmasken erinnert nicht von ungefähr an Daft Punk und passt zum Gesamtbild. Es ist kontrolliert, stylisch, auf Distanz. Das funktioniert im kommerziellen Kontext offensichtlich gut, wie die Spotify-Zahlen und die großen Live-Termine belegen, etwa der laufende Mesh-Support und der Auftritt auf dem Amphi Festival.
Aber genau in dieser Perfektion liegt auch das Problem. Man wünscht sich an irgendeiner Stelle dieses kleine bisschen Chaos, einen Song, der sich danebenbenimmt, die Kontrolle verliert und gerade dadurch berührt. Die Momente, in denen das Album am stärksten wirkt, sind die leiseren, die melodiösen Passagen, in denen Raum entsteht. „Suffer In Silence“ oder „Eternal Glory“ zeigen, dass Blackbook mehr können als solides Handwerk. Man würde ihnen wünschen, dass sie sich häufiger trauen, genau dorthin zu gehen.