Das Ich – Fanal: Klanggewordene Apokalypse zwischen Wut und Erkenntnis

Ein orchestrales Manifest über Schöpfung, Chaos und das Wiedererwachen

Das Ich – Fanal (2025)

Rezension von Tanja

Es gibt Alben, die nicht einfach gehört, sondern erfahren werden. Fanal von Das Ich ist genau so ein Werk – ein klingender Abgrund, ein Fanal im wörtlichen Sinn: das Auflodern einer Flamme, die gleichermaßen warnt, verführt und verbrennt. Nach Jahren der Stille kehrt das Duo um Stefan Ackermann und Bruno Kramm zurück – stärker, wütender, verletzlicher. Und genau dazwischen entfaltet sich diese Musik: zwischen Schmerz und Erkenntnis, zwischen Untergang und Rebellion.

Bereits beim ersten Hören fühlt man, dass Fanal nicht im Heute verankert ist, sondern im Gefühl einer Welt, die langsam den Boden unter den Füßen verliert. Klanglich verschmelzen Industrial, Darkwave und orchestrale Eruptionen zu einer apokalyptischen Symphonie. Es ist das große Thema von Das Ich: der Mensch in seiner Hybris – zerrissen zwischen Schöpfung und Zerstörung.

Acht Songs – acht Fanfaren aus Klang und Geist.

Der Einstieg Menschenfeind ist pure Katharsis. Aggressiv, anklagend, entlarvend. Ackermanns Stimme prallt gegen Wände aus verzerrten Beats und orchestralen Schüben. Es ist eine Predigt aus der Dunkelheit, eine Abrechnung mit der Zivilisation, die sich selbst verloren hat. Der Song pulsiert, schreit, zittert – und zieht dich sofort hinein. Kein einfacher Hinhörer, sondern ein Paukenschlag.

Lazarus baut auf dieser Energie auf und treibt sie noch weiter. Der Song ist von Anfang an in Bewegung – schnell, bedrohlich, aufgeladen. Ein treibender Beat, umgeben von orchestraler Wucht, reißt dich mit, während Ackermanns Stimme zwischen Wut und Vision schwankt. Es ist Auferstehung durch Kraft, nicht durch Gnade. Wenn sich elektronische Schichten und Streicher zu einer gewaltigen Front auftürmen, entsteht ein Gefühl von Macht, aber auch Kontrollverlust – als würde man im Sturm stehen und den Himmel anschreien.

Mit Was bin ich? folgt der Rückzug nach innen. Hier herrscht kein Donner, sondern das Echo der Selbstbefragung. Die Musik wirkt kühl, analytisch, fast distanziert – wie ein Sezieren der eigenen Identität. Trotzdem bleibt sie intensiv, bedrückend, faszinierend. Ein roter Faden zieht sich durch das Schaffen der Band: existenzielle Themen wie Vergänglichkeit, Glauben, Gesellschaft und die Suche nach Sinn. Immer wieder geht es um Zweifel – an sich selbst, an Werten, an Systemen – und um das Bedürfnis, Bedeutung in einer überreizten Welt zu finden.
Gerade in einer Zeit, in der soziale Netzwerke einfache Wahrheiten versprechen und kollektive Überzeugungen wie Ersatzreligionen wirken, stellen die Texte unbequeme Fragen: Wer bin ich, wenn ich nicht mitschwimme? Was bleibt, wenn die Schlagworte verhallen?
Die Band liefert keine fertigen Antworten – sie eröffnet Räume zum Nachdenken. Statt Parolen: Perspektiven. Statt Belehrung: Einladung zum Mitfühlen und Hinterfragen.

Vanitas beginnt als trügerischer Ruhepol. Zart, fast feierlich, und gegen Ende plötzlich – der Bruch. Die Orchestrierung explodiert, die Elektronik rast, als würde das Herz der Welt auseinanderbrechen. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen Musik wirklich körperlich wirkt. Schönheit und Untergang vereinen sich hier zu einem letzten Aufschrei.

Dantes Hölle führt hinab – maschinell, rhythmisch, düster. Keine Chöre, kein Pathos, sondern Präzision und Druck. Der Song arbeitet mit Wiederholung, mit Reibung, mit mechanischer Energie. Man spürt Hitze und Enge, aber auch Struktur. Es ist das Klangbild einer Welt, die in sich selbst gefangen ist.

Dann Brutus – einer meiner Favoriten. Hier bricht das Album förmlich auf. Der Beat marschiert, Ackermann schreit sich frei, als würde er Ketten sprengen. Es ist Wut mit Haltung, Chaos mit Richtung. Die Zeilen rufen dazu auf, sich aufzurichten, Widerstand zu leisten und das eigene Bewusstsein zu schärfen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, selbst zu denken, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und die Richtung des Geschehens zu verändern. Live wird dieser Track brennen. Wahrscheinlich der Track mit dem meisten Club-Potential. 

Prometheus schlägt dann eine andere Richtung ein. Das Tempo zieht an – fast hektisch, wie ein Kontrollverlust in Echtzeit. Synths rasen, Beats überschlagen sich, und mittendrin steht Ackermann wie ein ruheloser Erzähler, gefangen im eigenen Feuer. Es ist chaotisch, aufreibend, gnadenlos. Zum Ende hin zerbricht der Song in einem wahren Distortion-Gewitter, das klingt, als würde der Schöpfer an seiner eigenen Schöpfung zerfallen. Kein klassischer Höhepunkt – eher ein Zusammenbruch, kathartisch und brutal.

Genesis (Urknall) beschließt das Werk mit dem Gefühl einer letzten, verglühenden Energie. Die Musik zieht sich zurück, die Flächen öffnen sich, als würde die Welt wieder eingeatmet. Nach all der Wut und Größe bleibt etwas Unerwartetes: Stille – und in ihr die Ahnung, dass alles wieder von vorn beginnt.

Fanal ist kein nostalgisches Comeback. Es ist eine Wiedergeburt aus Dunkelheit.
Ein monumentales Werk, das Elektronik, Orchester und Philosophie miteinander verschmelzen lässt. Jeder Song ist eine Szene, jeder Ton ein Gefühl. Ackermann predigt nicht mehr – er bebt. Kramm inszeniert nicht – er erschafft.
Das Ergebnis ist fordernd, überwältigend, aber unverwechselbar: Das Ich klingen hier wie eine Naturgewalt, die mit dir spricht, dich verbrennt und dich danach wieder zusammensetzt.

Die Rezension

Fanal

86% Wertung

Fanal ist kein Album für nebenbei – es ist eine Offenbarung im Flammenmeer. Das Ich vereinen Schmerz, Kraft und Poesie zu einem apokalyptischen Gesamtkunstwerk, das in seiner Größe erschüttert und begeistert.

PROS

  • Gewaltige Fusion aus orchestraler Wucht und elektronischer Energie
  • Lazarus, Brutus und Menschenfeind als emotionale und klangliche Höhepunkte
  • Intensiv, tief, unverwechselbar – ein echtes Statement

CONS

  • Die extreme Dichte fordert Geduld und Konzentration
  • Vielleicht etwas schwere Kost für Neulinge

Fazit

  • Songwriting & Komposition 100%
  • Produktion & Sounddesign 90%
  • Stimmung & Atmosphäre 90%
  • Originalität & Wiedererkennungswert 80%
  • Abwechslung & Dynamik 70%
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