Elektrostraub – Humility
VÖ 06.04.2026
Rezension von Alex
Oha, da flattern mir kurz vor Ostern mal eben zwölf Songs mit gefühlt halber Szene-Besetzung auf den Tisch. Elektrostaub, also Patrick Knoch, hat mal wieder zum großen Klassentreffen geladen und diesmal heißt die Einladungskarte Humility. Bescheidenheit also. Das ist ja schon mal sympathisch, wenn man bedenkt, dass der Mann sich einen Haufen Gastsänger ins Boot geholt hat, der locker für drei Festivals reichen würde.
Aber der Reihe nach. Wir erinnern uns, mit Birthday And Death legte Herr Knoch 2017 ein Debüt vor, das im Grunde die Blaupause für sein gesamtes Schaffen lieferte. Ein Mann, ein Studio, viele Freunde mit guten Stimmen. Mit Reliance ging das 2021 auf alfa matrix in die nächste Runde, inklusive Chart-Erfolgen und einer Gästeliste, die sich las wie das Telefonbuch der Schwarzen Szene. Nun also Teil Drei. Und ich frage mich natürlich, wird die Formel langsam alt oder geht da noch was?
Spoiler, es geht noch was. Aber eben nicht alles.
Humility
Stasis eröffnet den Reigen als instrumentaler Prolog. Dreieinhalb Minuten sphärische Synthflächen, schwebende Harmonien, ein Klangteppich zum Reinfallen. Quasi das Vorglühen, bevor die eigentliche Party losgeht. Funktioniert wunderbar als Einstimmung, wobei ich zugeben muss, dass ich beim Warmup schon mal ungeduldig mit den Füßen wippe.
Dann kommt You Are My Angel und bringt Richard Bjørklund von Spektralized mit. Die Norweger kennt man ja seit den späten 90ern, da weiß man, was man bekommt. Solider SynthPop im typischen Elektrostaub-Gewand, Richard macht seinen Job routiniert und gut. Allerdings – und jetzt werden manche die Augenbrauen hochziehen – ist der Refrain mir eine Spur zu schnulzig geraten. Aber hey, Geschmäcker sind bekanntlich so verschieden wie die Socken in unserer Redaktions-Waschmaschine.
Deutlich mehr Zug hat da Too Far From The Pack. Nicht ohne Grund wurde diese Nummer bereits Ende letzten Jahres als Single vorgeschickt. Salva Maine, der Mann hinter dem Mikro der spanischen Electropop-Veteranen Culture Kultür (seit 1992 aus dem sonnigen Málaga, bitteschön), leiht dem Track seine markante Stimme und veredelt ihn zu einem waschechten Clubtier. Der Refrain? Bezaubernd. Die Entscheidung, genau diesen Song als Vorboten zu wählen? Klug. Da will man hin, wo es dunkel ist und die Boxen wummern.
Desolate mit Lis van den Akker fährt das Tempo runter und legt atmosphärische Flächen aus. Gesanglich ist das nicht unbedingt die stärkste Vorstellung des Albums, insbesondere im Refrain nicht, aber das ist auch nicht weiter tragisch. Die Nummer verdient sich ihren Platz allein durch die willkommene Abwechslung im Gesamtgefüge. Nicht jeder Song muss die Decke einreißen, manchmal darf man auch einfach mal durchatmen.
Und dann. Ja, dann kommt Falling. Mit Echo Image. Leute. Die Norweger um Pål Magnus Rybom, die Ende der 90er die SynthPop-Szene aufmischten, mit Apoptygma Berzerk auf Tour gingen und irgendwann in der Versenkung verschwanden, nur um immer mal wieder aufzutauchen wie ein musikalisches Stehaufmännchen. Und was sie hier mit Patrick fabriziert haben, ist schlicht der beste Song auf diesem Album. Der Refrain ist Gänsehaut pur, die Gesangsmelodie schmiegt sich an die Harmonien wie ein Kätzchen an die Heizung im Winter. Wer diesen Song morgens nicht im Kopf summt, hat ihn nicht gehört. Anspieltipp Numero Uno, absolut. Schaut euch nebenbei auch das Video von SynthHeaven an, das ist ebenfalls ziemlich feines Handwerk.
You Never Said Goodbye erscheint Anfang April als letzte Vorab-Single und bringt J Dead ins Spiel. Der britische Einzelkämpfer Jay Taylor, auf Infacted Recordings beheimatet und bekannt für seinen energetischen Mix aus Dark Electronics und eingängigen Hooks, bringt diese Futurepop-Nummer mit seiner markanten Stimme sauber über die Ziellinie. Darf gern in den Clubs dieser Nation rauf und runter laufen.
Bei Delusion bekommt Lis van den Akker eine zweite Chance und die nutzt sie besser als beim ersten Anlauf. Mehr Club, mehr Drive, und der Refrain sitzt diesmal deutlich besser. Trotzdem bleibt bei mir ein leises Fragezeichen über der stimmlichen Passung. Aber gut, wir können ja nicht alle den gleichen Geschmack haben, sonst wäre die Welt ja langweilig. Also noch langweiliger.
The Journey bringt dann keinen Geringeren als Alex Braun an den Start. Den kennt ihr. Distain. Muss man mehr sagen? Patrick und Alex haben ja bereits auf der Eisfabrik-Tour live zusammengearbeitet, da lag eine weitere gemeinsame Nummer quasi auf der Hand. Und die Chemie stimmt. Gesanglich hervorragend umgesetzt, der Song ist verträumt, atmosphärisch, ein kleiner Tagtraum in Moll. Die Nummer lief übrigens schon letztes Jahr unter dem Label Alex Braun feat. Elektrostaub, taucht hier aber nochmal im Albumkontext auf und das ist auch gut so.
Too Far From The Pack (Female Edit) mit Lilli K. Engelhardt. Ja, eine weibliche Version des dritten Tracks. Lilli singt das hübsch und adäquat. Aber mal ehrlich, wenn Salva Maine das vorher mit seiner ikonischen Stimme abgeliefert hat, braucht es diese Fassung dann wirklich? Ich sage, nett, aber nicht zwingend. Quasi die Bonustrack-Mentalität auf dem Hauptalbum. Das kennen wir ja.
Winter Has Come To Its End holt René Anke ins Boot, Frontmann der deutschen Elektropop-Band Logic & Olivia, die seit 1999 aus dem Erzgebirge heraus das Genre bereichern. René bringt diese clubbige Futurepop-Nummer zum Glühen, der Refrain hebt geradezu ab und die Pad-Interludes setzen atmosphärische Glanzpunkte. Winter? Welcher Winter? Der ist nach diesem Song definitiv Geschichte.
Moments In My Life mit Beyond Border gehört zu den absoluten Highlights. Schon der Einstieg mit dieser stimmungsvollen Lead-Melodie ist supercool. Und dann setzt Iggi ein, der Sänger, den man auch von In Good Faith kennt, und dessen Stimme einfach immer funktioniert. Immer. Egal in welchem Kontext, egal in welcher Konstellation. Da schwingt so viel mit, dass man den Song sofort nochmal hören will. Und nochmal. Und dann vielleicht nochmal.
Embers schließt den Reigen mit einer ruhigeren Nummer und dem Gesang von Mel Gúntzelsson, die man von Future Trail und davaNtage kennt. Die Dame bringt eine lässige Coolness mit, die sich angenehm durch den Track zieht. Ein stimmungsvoller Abschluss, der das Album nicht mit einem Knall, sondern mit einem warmen Glimmen verabschiedet. Was ja auch irgendwie zum Titel Embers passt.
Fazit
Also, Humility. Das dritte Album von Elektrostaub. Und es ist so, die Formel funktioniert nach wie vor. Patrick Knoch versteht es, die richtigen Stimmen für die richtigen Songs zu finden, sich selbst zurückzunehmen und seinen Gästen den Raum zu geben, den sie brauchen. Wenn das aufgeht, wie bei Falling, Too Far From The Pack oder Moments In My Life, ist das richtig stark.
Gleichzeitig muss man aber auch sagen, es ist eben genau das, was wir von Elektrostaub kennen. Das Rad wird hier nicht neu erfunden und eine echte Weiterentwicklung, gerade was die instrumentale Fülle und die Arrangements betrifft, sucht man vergeblich. Manche Featuring-Stimmen zünden prächtig, andere fallen im direkten Vergleich ab. Das ist bei einem Konzeptalbum dieser Art vielleicht unvermeidlich, fällt aber trotzdem auf.
Unterm Strich? Ein solides, in Teilen richtig gutes Album, das in einem Genre erscheint, in dem hochwertige Neuveröffentlichungen zunehmend rar gesät sind. Und allein dafür gebührt dem Mann ein aufrichtiger Applaus. Ich gebe Humility wohlwollende 82%. Elektrostaub trägt weiterhin wertvoll zu unserer kleinen aber feinen Szene bei. Danke dafür.
Die Rezension
Humility
Humility ist solides Elektrostaub-Handwerk mit einigen echten Glanzmomenten, das seinem Konzept treu bleibt, sich aber kaum weiterentwickelt. Wenn die Stimmen passen, ist es großartig. Wenn nicht, merkt man es eben auch.
PROS
- Die Auswahl der Gastsänger liefert in den besten Momenten echte Gänsehaut, allen voran Echo Image bei Falling und Beyond Border bei Moments In My Life
- Patrick Knochs Gespür für Melodien und atmosphärische Synthflächen bleibt ein verlässlicher Qualitätsgarant
- Das Album bietet eine ausgewogene Mischung aus Clubnummern, Midtempo-Tracks und ruhigeren Momenten
CONS
- Nicht alle Featuring-Stimmen überzeugen gleichermaßen, was bei einem Album, das komplett auf Gästen aufbaut, umso stärker ins Gewicht fällt
- Die Female-Edit-Variante von Too Far From The Pack wirkt eher wie ein Bonustrack und bläht das Album unnötig auf
Fazit
- Songwriting & Komposition 0%
- Produktion & Sounddesign 0%
- Stimmung & Atmosphäre 0%
- Originalität & Wiedererkennungswert 0%
- Abwechslung & Dynamik 0%







