Starsign – Silver Linings
Infacted Recordings | VÖ 27.02.2026
Wenn Reife klingt wie Hoffnung im Zwielicht
Manchmal gibt es Alben, die nicht laut um Aufmerksamkeit bitten, sondern sie sich mit Würde verdienen. Silver Linings ist genau so ein Album. Es fühlt sich nicht an wie ein bloßes Comeback. Es fühlt sich an wie eine Rückkehr mit Haltung.
Starsign gehören zu diesen raren Projekten, die nicht einfach verschwinden, sondern reifen. Oliver Teßmer und Matthias Blechschmidt tragen Jahrzehnte an Erfahrung in sich, und man hört dieses Leben in jedem einzelnen Arrangement. Hier wird nichts aus der Konserve gezogen. Hier klingt jede Note nach Überzeugung.
Der Opener Steal The Sun zieht mich sofort hinein. Eine energiegeladene Mischung aus Synthpop, EBM und subtilen industriellen Texturen. Diese maschinellen Elemente, die sich durch den Song ziehen, geben ihm etwas Kühles, während die Melodieführung warm bleibt. Ich fühle mich stellenweise an die goldene Phase von VNV Nation oder Solitary Experiments erinnert, ohne dass es wie eine Kopie wirkt. Es ist schnell, direkt, sofort im Ohr – einer meiner absoluten Favoriten.
N.Q.N.K. bleibt geheimnisvoll im Titel und doch offen im Klang. Lupenreiner Synthpop, aber mit Raffinesse. Besonders diese ungewohnten Harmoniewechsel liebe ich. Sie brechen Erwartungen, ohne den Fluss zu zerstören. Der Song hat diesen klassischen DeVision oder Mesh Spirit, aber mit eigener Handschrift. Dass er bereits als Single vorab erschien, war klug gewählt.
Mit Free The Soul ändert sich die Atmosphäre spürbar. Verzerrte Vocals, viel Delay, eine gewisse Schwerelosigkeit. Der Song zündet nicht sofort, aber er wächst. Und manchmal sind es genau diese Stücke, die sich tiefer in mir verankern als die offensichtlichen Hits. Ein Moment zum Atmen.
Void ist für mich der sperrigste Track. Die Vocals verschwimmen etwas im Mix, die Harmoniewechsel wirken kantiger. Er fordert Geduld. Vielleicht zu viel. Für mich fällt er im direkten Vergleich etwas ab, auch wenn ich den Mut zu weniger Gefälligkeit respektiere.
Ähnlich verhält es sich mit Polaris. Solide, aber ohne diesen emotionalen Haken, der mich festhält. Er plätschert ein wenig. Nicht schlecht, nur nicht zwingend.
Und dann kommt Clear Horizon. Hymnisch. Schnell. Hoffnungsvoll. Dieser Song trägt die Energie eines Neuanfangs in sich. Man hört, dass er aus einer echten Aufarbeitung entstanden ist. Die Drums treiben, die Atmosphäre ist dicht, fast euphorisch. Clubtauglich und dennoch tiefgehend. Für mich einer der stärksten Tracks des Albums.
Silent Prayers ist pure Synthpop-Intensität. Diese Snare im Vordergrund, die druckvolle Bassline, die flächigen Synths. Ich spüre hier ein leichtes Depeche Mode Gefühl, aber nicht als Zitat, sondern als Geisteshaltung. Kraftvoll, klar, selbstbewusst.
A Little Closer erinnert mich in seiner Intensität und den Drums tatsächlich an Sister of Night. Dunkler, dichter, mit einer gewissen Schwere. Ich mag diese Spannung.
Und dann kommt Shiver. Mein Herzstück. Oldschool-Depeche-Mode-Vibes, starke Drums, diese Leads, die sich wie Lichtstreifen durch die Nacht ziehen. Der Song ist Gänsehaut pur. Hier stimmt alles. Arrangement, Dynamik, Emotion. Wenn ich einen Track nennen müsste, der das Album definiert, dann wäre es dieser.
Ad Nauseam schließt das Album würdig ab. Komplexer im Arrangement, fein austariert, weniger plakativ. Ein Song, der das Gesamtwerk abrundet und noch einmal zeigt, wie variantenreich dieses Album ist.
Was mich an Silver Linings besonders berührt, ist die Balance zwischen Nostalgie und Eigenständigkeit. Es gibt Momente, die vertraut wirken, aber nie kopiert. Es gibt Songs, die sofort ins Ohr gehen, und andere, die sich langsam entfalten. Kompositorisch ist das auf einem hohen Niveau. Kein Song klingt wie der andere. Jeder ist ein kleines Kunstwerk.
Textlich spürt man Lebenserfahrung. Verlust. Trennung. Glaube. Hoffnung. Nichts wirkt konstruiert.
Für mich ist Silver Linings kein Album, das laut revolutioniert. Es ist ein Album, das reif reflektiert. Und gerade deshalb wirkt es so stark.
Die Rezension
Silver Linings
Silver Linings ist kein lautes Comeback, sondern ein würdiger Neubeginn. Ein Album, das zwischen Hoffnung, Dunkelheit und Erfahrung schwebt – vielschichtig, atmosphärisch und musikalisch auf hohem Niveau. Für Synthpop-Freunde ein echtes Geschenk.
PROS
- Große kompositorische Vielfalt ohne stilistischen Bruch
- Mehrere echte Highlights wie Steal The Sun, Clear Horizon und Shiver
- Reife, ehrliche Lyrics mit emotionaler Substanz
CONS
- Void wirkt im Vergleich etwas sperrig und weniger zugänglich
- Polaris bleibt solide, aber ohne echten Gänsehautmoment
Fazit
- Songwriting & Komposition 0%
- Produktion & Sounddesign 0%
- Stimmung & Atmosphäre 0%
- Originalität & Wiedererkennungswert 0%
- Abwechslung & Dynamik 0%







