VORN – Beyond The Sentinel
VÖ 2026
Rezension von Alex
Also, ehrlich gesagt war ich schon gewarnt. Wer Michael Roeder kennt, wer A Spell Inside im Blut hat und nachts heimlich zu Synthpop-Hymnen die Wohnzimmerdisco aufmacht, der weiß, dass dieser Mann keine schlechten Ideen produziert. Und nun also VORN. Ein Nebenprojekt, entstanden in der kreativen Kollaboration mit dem finnischen Dichter Nicko Smith. Klingt zunächst wie eine nette Fingerübung zwischen zwei Alben. Spoiler, ist es nicht.
Ich habe Beyond The Sentinel jetzt gefühlt ein Dutzend Mal gehört, manchmal aufmerksam, manchmal nebenbei, manchmal mit Kopfhörern im Dunkeln, und die Erkenntnis bleibt dieselbe. Dieses Album ist eine Kaufempfehlung. Punkt. Aber da ich ja nicht nur Punkte vergebe, sondern auch Worte produziere, erzähle ich euch natürlich gerne, warum.
Der Wächter betritt die Bühne
Der Einstieg mit The Grey setzt sofort den Ton. Eine tanzbare, uptempo Nummer, die A Spell Inside-Vibes versprüht wie ein frisch geöffnetes Parfumfläschchen und dabei trotzdem klar macht, dass hier etwas anders ist. Harder, clubbiger, mehr Futurepop als reiner Synthpop. Ich höre das sofort und nicke anerkennend. Guter Refrain, bleibt hängen, macht Lust auf mehr.
Und dann kommt Under The Gothic Moon, die erste Auskopplung, und ich gestehe ganz offen, dass ich beim ersten Hören kurz innegehalten und gedacht habe, moment mal, ist das A Spell Inside? Diese Stimme von Michael Roeder hat einen Wiedererkennungswert, der in unserer Szene selten geworden ist. Mystisch, poetisch, unverwechselbar. Der Track ist direkt auf unserer Spotify-Playlist gelandet und da bleibt er auch.
Prophecy verlangsamt das Tempo ein wenig, bleibt aber absolut tanztauglich. Was mich hier wirklich begeistert, ist die einprägsame Bassmelodie zu Beginn, die sich in schöne Flächen und ein regelrechtes Harmoniefest auflöst. Das ist handwerklich sehr sauber gemacht und textlich trägt Nicko Smiths Handschrift spürbar dazu bei, dass der Song eine Tiefe bekommt, die über reinen Dancefloor hinausgeht.
Gegen den Wind und gegen alle Zeiten
Against The Wind erinnert mich an Stärke 10 von A Spell Inside, zumindest in Teilen. Schneller, härter, mit einem Refrain, der sich ins Gedächtnis brennt. Auch dieser Track hat seinen Platz auf unserer Playlist verdient und ich finde ihn zu Recht einen der stärksten Momente des Albums.
Gegen alle Zeiten ist dann die einzige deutschsprachige Nummer und ich finde das eine sehr bewusste und kluge Entscheidung. Die Strophen sind instrumentell reduziert, minimalistisch gehalten, was einen wunderbaren Kontrast zum Refrain schafft, der sich öffnet wie ein Fenster nach einem langen Winter. Michael nutzt hier auch stimmliche Effektierung gezielt, um den Text zu unterstützen. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern sehr durchdacht.
Bei A New Dawn muss ich ehrlich sein. Nach mehrmaligem Hören hat der Track mich nicht wirklich gepackt. Er klingt ein bisschen generisch, es fehlt mir das prägende Element, das die anderen Tracks haben. Kein Fremdkörper auf dem Album, aber auch kein Must-Repeat.
Charon, Geister und ein Held namens Faithless
Charon als Instrumentaltrack überrascht mich positiv. Trance-Elemente, Club-Atmosphäre, viel Energie. Michael gönnt seiner Stimme eine Pause und das Ergebnis klingt wie ein Dancefloor-Moment, den ich mir live sehr gut vorstellen kann.
Ghost Of Time ist dann wieder ein absoluter Höhepunkt für mich. Die Vocoder-Elemente, die er seiner Stimme unterlegt, passen thematisch perfekt und verleihen dem Song eine mechanische, fast zeitlose Qualität. Sehr zum Mitgraben.
Static als letzte Vorauskopplung vor dem Album-Release macht seinen Job gut. Schnell, klar, solide. Und dann kommt Faithless.
Faithless ist mein persönlicher Favorit auf Beyond The Sentinel. Vollständig. Ohne Einschränkung. Der Track verbindet alles, was ich an Michaels Stimme liebe, mit einem Clubsound, der sich von A Spell Inside klar abhebt. Mega Refrain, coole Produktion, sofortiger Tanzdrang. Der Extended Club Mix dreht noch eine Spur weiter auf und kombiniert moderne Produktion mit leicht retro angehauchten Drums im mittleren Teil, was ich sehr, sehr cool finde. Die Speechless Version rundet das Ganze als Instrumental ab und zeigt, wie stark die Komposition auch ohne Vocals funktioniert.
Den Abschluss macht Guardian Angel in einem mittleren Elektro-Futurepop-Gewand. Leicht harder in den Leads als A Spell Inside, harmonisch aber sehr nah dran. Was mich aber nicht stört, im Gegenteil. A Spell Inside ist ein Ohrwurm-Garant und wenn VORN in diese Richtung tönt, dann ist das einfach schön.
Braucht es das also wirklich
Eine kurze, ehrliche Antwort. Ich finde, der Abstand zu A Spell Inside könnte an manchen Stellen etwas größer sein. Die DNA ist spürbar, die Handschrift von Michael Roeder unverkennbar. Wer ein klar abgegrenztes neues Universum erwartet, wird stellenweise überrascht sein, wie familiär sich vieles anfühlt. Aber ich sehe das letztlich als Stärke. Die Unterschiede sind trotzdem da, clubbiger, härter, poetischer in den Texten, und Nicko Smiths Einfluss als Dichter gibt VORN eine eigene lyrische Identität, die A Spell Inside so nicht hat. Beyond The Sentinel ist kein Klon, sondern ein Verwandter. Und mit Verwandten kann man prima tanzen.