Mental Discipline – Bring the Light
VÖ 2026
Rezension von Tanja
Es gibt Alben, die man auflegt und nach den ersten dreißig Sekunden bereits weiß, dass man sich für die nächste Stunde nirgendwo anders befinden möchte. Bring the Light von Mental Discipline ist so ein Album. Alexandr Krivoruko, der kreative Kopf hinter dem russischen Synthpop und Futurepop Projekt, legt mit diesem vierten Studioalbum ein Werk vor, das mich sofort in seinen Bann zieht und mich auch nach mehrmaligem Hören nicht loslässt.
Der Titeltrack eröffnet das Album mit einer atmosphärischen Bassline, die sich langsam entfaltet, bevor Gitarren hinzutreten und das Ganze in einen eingängigen Electro Futurepop Sound überführen. Ich finde diese Songwahl als Opener ausgesprochen klug. Hier wird sofort klar, wohin die Reise geht und was dieses Album von früheren Werken unterscheidet. Die Gitarren sind kein Fremdkörper, sondern ein echtes neues Element, das dem Sound von Mental Discipline eine zusätzliche Wärme und Tiefe verleiht.
Limits folgt als solider Elektropop Track, der unmittelbar ins Ohr geht. Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht eingestünde, dass mir hier und da kleine Ungenauigkeiten in der englischen Aussprache auffallen. Das ist aber wirklich Meckern auf hohem Niveau und schmälert den Hörgenuss kaum. Rise Again setzt diese Linie fort, ebenfalls mit Gitarrenunterstützung, und auch hier bleibt die Nummer im Ohr. Für mich fehlt bei diesen beiden Tracks noch dieser eine besonderen Funke, der sie wirklich unvergesslich machen würde. Solide, angenehm, aber noch nicht magisch.
Wenn Gäste den Unterschied machen
Und dann kommt Over Now. Ich sage es direkt und ohne Umschweife, Das ist für mich der stärkste Track des gesamten Albums. Die Komposition ist episch, das Instrumental atemberaubend durchdacht, der Refrain setzt sich sofort fest. Aber was diesen Track auf ein anderes Level hebt, ist die Stimme von Felix Marc, den ich bereits von Frozen Plasma und Diorama kenne und liebe. Die Symbiose zwischen seiner unverwechselbaren Stimme und dem Instrumental von Mental Discipline ist so stimmig, als wären diese beiden Welten füreinander geschaffen worden. Ich kann Over Now wirklich immer wieder hören.
Darkest Night bringt die nächste Zusammenarbeit mit ins Spiel, diesmal mit Cold in May aus Minsk. Der Track hat etwas Treibendes, fast Housiges, bleibt dabei aber vollständig im Futurepop Gewand. Der Refrain ist schön, die Energie stimmt, und ich empfinde diesen Titel als einen der gewinnbringendsten des Albums. Eine Kooperation, die wirklich aufgeht.
Fliege Fort ist das einzige deutschsprachige Stück auf dem Album, und Helge Wiegand vom Projekt Wiegand liefert eine stimmlich überzeugende Darbietung. Ich bewundere die Vielseitigkeit, die Mental Discipline hier zeigt. Dennoch empfinde ich den Refrain als etwas zu schlagernah, was mich persönlich ein wenig auf Abstand hält. Ob es an der deutschen Sprache liegt oder an der Komposition selbst, kann ich nicht genau sagen. Aber ich freue mich über den Mut zur Abwechslung.
Ruhige Momente, die unter die Haut gehen
Confession ist die erste echte Ballade des Albums, und ich muss sagen, sie trifft mich wirklich. Sanfte Pianoeinsätze, wundervolle Flächen, ein Refrain, der sich anfühlt wie ein langer Atemzug nach einem stressigen Tag. Ich lasse mich in diesen Track hineinziehen und vergesse kurz die Welt um mich herum. Das ist kein kleines Kunststück.
Losing Sides setzt wieder auf Gitarren, diesmal besonders präsent im Refrain und in der Bridge. Ich habe das Gefühl, dass Mental Discipline dieses Instrument inzwischen als festen Bestandteil ihrer Klangwelt betrachten und ich finde das erfrischend. Break Free ist dann die Clubnummer des Albums, mit Omnimar als weiblicher Stimme in den Refrains. Die Strophenparts sind für mich das Herzstück dieses Tracks, mit einer Kick und einem Bass, die wirklich etwas wollen. Im Refrain wird es etwas melancholischer, was dem Song eine gewisse Tiefe verleiht.
Den Abschluss bildet Serenity, eine ruhige, fast meditative Komposition mit dezenten Gitarren und Vocals, die mich vollständig überzeugen. Es ist ein würdiger Closer, der das Album abrundet wie ein letztes Aufleuchten vor dem Dunkel. Ich mag dieses Ende sehr.
Ein Album mit Charakter und Herz
Was mich an Bring the Light insgesamt begeistert, ist die klare künstlerische Handschrift, die sich durch alle zehn Tracks zieht. Mental Discipline klingen 2026 reifer, vielfältiger und selbstbewusster als je zuvor. Die Gastmusiker sind nicht Dekoration, sondern echte Partner, die jeden Track bereichern. Felix Marc, Helge Wiegand, die Cold in May Jungs und Maria Mar von Omnimar bringen jeweils ihre eigene Energie mit, ohne das Gesamtbild zu verwischen.
Ich empfehle dieses Album allen, die Qualität im Synthpop und Futurepop schätzen und keine Angst vor gelegentlichen Gitarren haben. Wer auf der Suche nach tanzflächentauglichen Tracks mit emotionaler Tiefe ist, wird hier reichlich fündig. Over Now, Confession, Darkest Night und der Opener Bring the Light sind für mich die absoluten Highlights, an denen ich immer wieder andocke. Ein Album, das leuchtet, im wahrsten Sinne des Wortes.