Wenn die Zukunft so klingt, will ich dort bleiben

Digital Energy liefern mit Echoes of Tomorrow ein produktionstechnisch makelloses Futurepop-Album, das mich begeistert und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

Album-Cover: Digital Energy – Echoes of Tomorrow

Digital Energy – Echoes of Tomorrow
VÖ 2026

Rezension von Tanja

Es gibt Alben, die einen vom ersten Takt an in ihren Sog ziehen, und Echoes of Tomorrow von Digital Energy gehört zweifellos dazu. Seit der Gründung im Jahr 2000 durch David und Bernhard hat sich das Projekt kontinuierlich weiterentwickelt, und nun, seit 2025 von Gründungsmitglied David Erdmann allein weitergeführt, erscheint mit diesem Werk ein Album, das die Szene aufhorchen lassen dürfte. Niemand Geringeres als Gerrit Thomas, bekannt durch Eisfabrik und Funker Vogt, hat hier die Produktion übernommen. Und das hört man. Bei jeder einzelnen Sekunde.

Der Opener No More Alone setzt sofort ein Ausrufezeichen, ohne eines zu setzen. Er beginnt episch, mit einer wunderschönen Chorlinie, die sich dann in ein tranciges, tanzbares Soundkonstrukt öffnet. Ich erkenne beim Basslauf und den Percussion-Effekten sofort die unverwechselbare Handschrift von Gerrit Thomas, und das ist ein Garant für ausgeklügelte, professionelle Arbeit im elektronischen Tanzmusikbereich. Der Refrain ist schlicht schön, und dieser Track macht mir sofort gute Laune. Ein perfekter Albumeinstieg, der den Stil von Digital Energy klar absteckt.

Deceptor folgt mit einem coolen Triolen-Bass, der den gesamten Song mit Rhythmik, Coolness und einer gewissen Edginess durchzieht. Und dann ist da Davids Stimme. In bestimmten Parts klingt er bewusst wie Dave Gahan, besonders wenn er den Vocal Fry ansetzt. Das passt so hervorragend zum Genre, dass ich kurz inne halte. Dazu eine futuristische Lead-Melodie, die der Digitalität dieser Band mehr als gerecht wird. Kühl, präzise, fesselnd.

Hold On schlägt dann direkt auf die Tanzfläche ein. Brachiale Leads und eine klangliche Fülle, die mich sofort mitreißt. Ich schließe die Augen, und ohne Davids Stimme zu kennen, würde ich glatt denken, ich hätte einen neuen Eisfabrik-Track vor mir. Das ist kein Vorwurf, aber es ist eine Beobachtung, die ich nicht verschweigen kann. Durch Davids Stimme und einzelne zusätzliche Elemente bekommt der Track dennoch einen eigenen Touch, und als Club-Nummer ist Hold On absolut erste Wahl.

Eternity, die Juli-Single als Vorbote des Albums, kommt mit brachialen Leads daher, und ich höre Einflüsse heraus, die mich an das Projekt Fictional erinnern. Der Track ist solide, keine Frage, aber für mich nicht der stärkste Moment des Albums. Ob er die beste Wahl als Single war, darüber lässt sich streiten. Ich hätte wahrscheinlich eine andere Nummer vorgezogen, um neugierig zu machen. Aber David und sein Team werden ihre Gedanken dabei gehabt haben.

Etwas anders kommt dann All is a Lie daher mit seiner EBM-artigen Bassline und den warbernden Effekten, die dem Track eine angenehme Härte verleihen. Thematisch geht es hier um Masken, Vorurteile und das Kämpfen gegen Lügen, und dieses Spannungsfeld spüre ich tatsächlich im Klang. Insgesamt ein interessanter Titel mit leichten EBM-Vibes.

Ohrwürmer und Herzstücke

dEcisions überzeugt auf ganzer Linie. Das liegt zu einem an der phänomenalen Gesangsperformance von David und zum anderen an der wirklich wunderschönen Komposition, die besonders im Refrain durch die tolle Harmonie überzeugt. Bleibt sofort im Ohr und ist für größeres bestimmt. Ohrwurm.

Addicted to You ist für mich ein weiteres Glanzstück. Die erste Single des Albums hat Hitcharakter, der Refrain bleibt sofort hängen, und ich kann mir diese Nummer auf der Tanzfläche lebhaft vorstellen. Hier stimmen, Energie, Eingängigkeit und dieser besondere Futurepop-Drive, der die Hüften von selbst in Bewegung setzt. Geile Nummer.

When You Wake ist für mich eines der absoluten Herzstücke dieses Albums. Eine der wenigen Balladen, und was für eine. Ich schließe die Augen und lasse diesen Titel einfach über mich hereinbrechen. Er hat einen echten Ohrwurm-Charakter, etwas Tiefes, Berührendes. Bei diesem Song bekomme ich tatsächlich Gänsehaut. Das ist kein Zufall, das ist Kunst. Wenn der Rest des Albums im Futurepop-Gewand daherkommt, beweist When You Wake die Synthpop-Ader des Projekts und zeigt, wie viel Facettenreichtum in Digital Energy steckt.

Auch der Titeltrack Echoes of Tomorrow trägt diesen unverkennbaren Eisfabrik-Vibe, aber das sage ich mit einem Lächeln. Die Produktion ist auf einem Niveau, das mich schlichtweg beeindruckt. Egal ob Bassline, Gesamtbild oder die klangliche Weite, Hier steckt so viel Produktionserfahrung drin, dass ich es bei jeder Sekunde spüre. David liefert stimmlich einen überzeugenden Job, und der Track hat einen echten Mehrwert für das Gesamtwerk.

Hope, die zweite langsame Nummer nach When You Wake, lässt mich zu Beginn wirklich an Depeche Mode denken. So verträumt, so verspielt, so Depeche-like sind die Klänge. Gerrit hat hier in der Tat mit magischen Händen etwas Facettenreiches gezaubert, mit vielen Harmoniewechseln, die nicht sofort zugänglich sind. Eine schwere Ballade, die die künstlerische Tiefe des Projekts unter Beweis stellt.

Eine Stärke und eine Frage

Was mich beschäftigt, und ich sage das ohne böse Absicht, ist die Frage nach der eigenen Identität. Ich höre auf diesem Album sehr deutlich den Stil von Gerrit Thomas heraus, bei fast jeder Nummer. Und Gerrit ist über jeden Zweifel erhaben, sein Handwerk ist makellos. Aber wenn ich ein Projekt wie Digital Energy höre, wünsche ich mir auch einen kreativen Geist, der sich von Eisfabrik, Fictional oder Alienare klar abgrenzt. Dieses Alleinstellungsmerkmal vermisse ich an einigen Stellen. Es ist kein Ausschlusskriterium, aber es ist das, was mir im Gesamterlebnis auffällt.

Die Remix-Zugaben am Ende des Albums, Eternity im Assemblage 23-Remix und No More Alone im Fictional-Remix, fügen sich unterschiedlich ein. Während der Fictional-Remix den Opener charmant neu einkleidet, bleibt der Assemblage 23-Remix für mich der schwächste Moment des Albums. Er fügt wenig hinzu und wirkt im Kontext des Gesamtwerks ein wenig deplatziert.

Und dennoch, ich muss klar festhalten, dass Echoes of Tomorrow für alle Futurepop-Liebhaber eine echte Empfehlung ist. David Erdmann hat eine Stimme, die für dieses Genre wie gemacht ist, das beweist er live wie im Studio. In Zeiten, in denen starke Releases in diesem Genre rar gesät sind, füllt dieses Album eine echte Lücke. Digital Energy hat sich einen Platz in der Szene verdient, und dieses Album ist ein deutlicher Schritt nach vorn.

Die Rezension

Echoes of Tomorrow

82% Wertung

Echoes of Tomorrow ist ein produktionstechnisch makelloses Futurepop-Album, das durch Gerrit Thomas ein überzeugendes Klangbild erhält und mit Tracks wie No More Alone und When You Wake echte Highlights setzt. Ich vermisse an Stellen eine stärker eigenständige Handschrift jenseits des Produzenten-Stils, aber für Fans des Genres ist dies trotzdem ein klarer Pflichtkauf. David Erdmann zeigt, dass Digital Energy in der Szene gekommen sind, um zu bleiben.

PROS

  • Gerrit Thomas liefert eine glasklare, kraftvolle Produktion auf absolutem Spitzenniveau
  • David Erdmanns Stimme ist eine perfekte Besetzung für Futurepop und Synthpop und trägt das Album mit großer Überzeugungskraft
  • Emotionale Highlights wie dEcisions, When You Wake und No More Alone zeigen die volle Bandbreite und Tiefe des Projekts

CONS

  • Der unverkennbare Gerrit-Thomas-Stil dominiert weite Teile des Albums und lässt die eigene kreative Handschrift von Digital Energy etwas in den Hintergrund treten
  • Einzelne Tracks wie Eternity und All is a Lie bleiben im Gesamtkontext etwas blass und hinterlassen keinen nachhaltigen Eindruck
  • Der Assemblage 23-Remix am Albumende wirkt im Kontext deplatziert und stellt für mich den schwächsten Moment des Gesamtwerks dar

Fazit

  • Songwriting & Komposition 90%
  • Produktion & Sounddesign 90%
  • Stimmung & Atmosphäre 80%
  • Originalität & Wiedererkennungswert 70%
  • Abwechslung & Dynamik 80%
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