Retro-Gänsehaut trifft auf Dancefloor-Gegenwart

Album-Cover: Mechanical Horizon – Walking on Rainbows

Mechanical Horizon – Walking on Rainbows
VÖ 2026

Rezension von Alex

Manchmal passiert das Schönste im Leben durch puren Zufall. Ich scrolle also durch meine Facebook-Timeline, wie ich das eben manchmal tue, und plötzlich springt mir ein Post von Mechanical Horizon ins Auge. Sagt noch einer, dass dieses Social-Media-Gewurschtel zu gar nichts taugt. Ich war sofort neugierig, habe nachgeforscht, das Album organisiert, es sogleich in den Kollegenkreis gestreut und wir alle, durch die Bank Kinder der Achtziger, haben uns auf Anhieb sauwohl gefühlt mit dem, was uns da aus den Boxen entgegenströmte. Und ich kann euch sagen, dieses Gefühl hat mich die gesamten elf Tracks lang nicht mehr losgelassen.

Mechanical Horizon ist kein neues Projekt, das erst gestern aus dem Boden gestampft wurde. Die Band existiert seit 1995, hat 2001 bei Maschinenwelt ihr Album New Horizons rausgehauen, tourte als Support für HIM und In Strict Confidence und hat sich nach dem Zusammenbruch des Labels bewusst in Richtung melodischeren, vokalorientierten Synth-Pop und Future-Pop entwickelt. Mit Walking on Rainbows erscheint nun 2026 bei Danse Macabre Records, wo übrigens auch das liebe Bruno Kramm-Umfeld seine Finger im Spiel haben soll, ein Album, das für mich in dieser kleinen, feinen Nische ein echter Glücksgriff ist. Und ja, Bruno Kramm und Danse Macabre haben hier offensichtlich einen sehr guten Riecher bewiesen.

Kein Ferrari, aber ein Traumauto

Was mich an Walking on Rainbows von der ersten Sekunde an fesselt, ist die bewusste Entscheidung gegen Overproduction. Es gibt keinen Track hier, der einem mit tausend Effekten auf den Kopf haut, nur um zu beweisen, wie viele Plugins man sich leisten kann. Die Sounds haben Luft, Raum zum Atmen, eine fast schon mutige Einfachheit, die in einer Zeit, wo jeder Produzent meint, seinen Fingerabdruck auf jedem Quadratzentimeter eines Songs hinterlassen zu müssen, wirklich erfrischend ist. Minimalismus als Statement, und ich kaufe es ihnen vollständig ab.

Der Titeltrack Walking on Rainbows eröffnet das Album und braucht gute eine Minute, um in Fahrt zu kommen. Aber dann, wenn Kick-Drum und Bassline einsetzen und der sich stetig wiederholende Lead die Melodie vorgibt, dann ist man drin und will nicht mehr raus. Und dann setzt auch noch diese Stimme ein. Andy am Mikrofon erinnert mich hier deutlich an Tom von Assemblage 23, und das meine ich als absolutes Kompliment. Diese Kombination aus warmem, emotionalem Gesang und einer Produktion, die nicht versucht, jede Schwäche wegzubügeln, weil es schlicht keine gibt, die versteckt werden müsste, macht den Track zu einem sofortigen Anspieltipp.

You Make Me Feel ist danach eine Uptemponummer, die sich ums Fühlen und die Unbedingtheit von Zuneigung dreht. Ich sage es direkt, das Thema ist nicht gerade das Komplexeste, was die Literaturgeschichte je hervorgebracht hat. Aber der Track funktioniert, weil er stimmlich stellenweise sogar ein bisschen Falco-Flair hat. Ja, Falco. Ich sage, was ich höre, und was ich höre, macht mir Spaß.

Die Perlen im Mittelteil

Bilder von Sehnsucht ist für mich einer der stärksten Momente des Albums. Direkt nach You Make Me Feel positioniert, kommt hier textlich das bittere Erwachen, die Sehnsucht nach etwas Zerbrochenem. Das ist eine kluge Dramaturgie. Der Song geht sofort ins Ohr, bleibt dort auch zuverlässig sitzen, die Harmonien sind wohldurchdacht und gefällig, und ich sage das ohne jede Einschränkung. Manche werden das vielleicht als Schlager abtun, und ich sage ihnen, sie irren. Es ist mehr als das, weil es trifft und weil gute Musik genau das tun muss.

The Rain nimmt dann das Tempo etwas raus und holt deutliche Achtziger-Vibes ins Spiel, bevor Night and Day mich direkt an Silicon Dream erinnert und dabei wieder diesen leichten Falco-Einschlag hat. Ich liebe diese alten Zeiten wirklich sehr, und wenn ein modernes Album diese Erinnerungen so mühelos wachruft, ohne dabei billig oder kopierend zu wirken, dann hat die Band ihre Hausaufgaben mehr als gemacht.

Forever Alone ist eine interessante Nummer, weil sie inhaltlich deutlich düsterer ist, als das Instrumental vermuten lässt. Der Gesang klingt melancholisch und abgerechnet, die treibenden Leads hingegen sind fast schon fröhlich. Dieser Kontrast funktioniert erstaunlich gut und belegt, dass Mechanical Horizon wissen, wie man mit Erwartungen spielt. Tausend Feuer überrascht mich dann sogar noch mehr, weil der Track in den Zwischenparts ins Trance-artige abdriftet und echter Club-Atmosphäre sehr nahekam. Der Song ist auf meiner persönlichen Playlist gelandet und hat dort auch dauerhaft seinen Platz verdient.

Retro-Gänsehaut bis zum Schluss

Take Me Higher erinnert mich stellenweise tatsächlich an Bruce and Bongo und ihren Kulthit Geil, besonders in der Art, wie die Strophen vorgetragen werden. Das klingt jetzt schräger als es ist, denn der Track ist schneller, moderner und hat einen Ohrwurm-Refrain, der sofort hängenbleibt. Farben meiner Sehnsucht holt mich dann vollends ab, weil es genau dieses Retro-Feeling transportiert, das mich an die Zeit erinnert, als wir jung, rebellisch und wild waren, und das ist keine Nostalgie um der Nostalgie willen, sondern ein echter emotionaler Treffer.

Den Abschluss macht Die Hoffnung vergeht, eine etwas ruhigere Nummer, die aber nicht weniger stark ist. Sie schließt das Album würdig ab, ist hervorragend gesungen und hat in ihrer ganz eigenen Welt echtes Hit-Potenzial. Ein richtig starker Schlussakkord.

Was bleibt, ist das Gefühl, etwas gefunden zu haben, das in dieser Nische viel zu selten ist. Elf Tracks, die abwechslungsreich sind, die atmen dürfen, die nicht versuchen, jeden Trend der letzten fünf Jahre in sich zu vereinen, sondern einfach gut sein wollen und gut sind. Mechanical Horizon haben mir mit Walking on Rainbows eine der angenehmsten Überraschungen des Jahres 2026 beschert, und ich hoffe sehr, dass sie diesen Weg konsequent weitergehen.

Die Rezension

Walking on Rainbows

90% Wertung

Walking on Rainbows ist ein Album, das ich mir in dieser Nische öfter wünsche. Mechanical Horizon vereinen Retro-Seele mit modernem Synth-Pop und Future-Pop-Gewand, ohne sich dabei zu verbiegen oder zu überproduzieren. Wer die Achtziger liebt und trotzdem im Heute ankommen will, findet hier elf sehr gute Gründe, die Band sofort auf die eigene Playlist zu holen.

PROS

  • Bewusst luftige, atmende Produktion ohne Overproduction ist in dieser Zeit eine echte Wohltat
  • Andy am Mikrofon überzeugt mich vom ersten bis zum letzten Track mit einer warmen, charakterstarken Stimme
  • Die stilistische Bandbreite von Trance-Einschlägen bis zu klassischem Synth-Pop hält das Album von vorne bis hinten spannend

CONS

  • Einzelne Mid-Tempo-Tracks wie Illusions bleiben etwas blass im Vergleich zu den stärkeren Nummern
  • Die thematische Tiefe der Texte variiert spürbar, manche Lyrics wirken einfacher als die Musik es vermuten lässt
  • Wer modernen Hochglanz-Sound bevorzugt, könnte den minimalistischen Produktionsansatz als zu zurückhaltend empfinden

Fazit

  • Songwriting & Komposition 90%
  • Produktion & Sounddesign 80%
  • Stimmung & Atmosphäre 100%
  • Originalität & Wiedererkennungswert 90%
  • Abwechslung & Dynamik 90%
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