Kontrast – Imperium Proteus
VÖ 2026
Rezension von Alex
Es gibt Alben, bei denen ich nach dem ersten Durchlauf einfach sitze und kurz gar nichts sage. Nicht weil mir die Worte fehlen, sondern weil ich dem Gehörten noch ein bisschen Platz lassen will, bevor ich anfange, es zu zerlegen. Imperium Proteus von Kontrast ist so ein Album. Der zweite Teil des Gesamtwerks Imperium, erschienen am 17. Juli 2026 via Danse Macabre Records, führt das dystopische Sci-Fi-Szenario des Vorgängers Imperium Tyrannis konsequent weiter und bringt es zu einem Abschluss, der sich wirklich verdient anfühlt.
Wer den Text von Jonas zum ersten Teil gelesen hat, weiß, dass wir dem Konzept von Anfang an zugetan war. Ein totalitäres Regime, eine Propagandaministerin als charismatischer Abgrund, willenlosen Tanzmaschinen als Bevölkerung. Das klingt nach billigem Dystopie-Klischee, aber Kontrast machen daraus etwas Substanzielles. Und Proteus, benannt nach dem Gestaltwandler der griechischen Mythologie, steht für genau das, was ich im zweiten Akt eines solchen Konzepts erwarte. Wandlung, Identitätssuche, der mühsame Ausbruch aus starren Strukturen. Die Band löst dieses Versprechen ein, und zwar mit einer Konsequenz, die mir wirklich imponiert.
Kassetten, Erinnerungen und ein sehr cleverer Opener
Cassettenmensch eröffnet das Album und ich bin sofort drin. Der Retro-Sound mit original klingenden 80er-Basslines trifft mich direkt in die Kindheitserinnerungen. Wer kennt das nicht, stundenlang vor dem Radio sitzen, den Finger über der Aufnahmetaste, warten bis der Moderator endlich aufhört zu quatschen. Kontrast feiern diese Kassetten-Ära mit echtem Herzblut und der Song hat dabei unverkennbar diese Welle-Erdball-Energie, ist aber gleichzeitig durch und durch ein Kontrast-Song. Das ist keine Kopie, das ist Hommage mit eigener Handschrift, und das macht es für mich zum perfekten Türöffner.
Direkt danach kommt Ewiglich, und spätestens hier begreife ich, warum dieser Song seit Wochen auf Platz 1 der Klanginstanz-Charts thront. Die Synthflächen sind wunderschön, der Refrain sitzt sofort, und dann sind da diese dezenten Depeche-Mode-Referenzen, Martin und Dave werden sogar namentlich besungen. Ich höre darin einen Hauch von The Sun and the Rainfall, und das mag ein Easter Egg sein oder auch nicht, aber es macht mir einfach Freude, so etwas zu entdecken. Das ist Liebhaberei für die Geschichte der elektronischen Musik, verpackt in einen modernen Hit.
Die Stille zwischen den Maschinen
Dann kommt Identität, und das Album atmet tief durch. Diese Ballade geht tief, wirklich tief. Die Frage, ob man noch ein Mensch ist, der existiert, oder nur eine programmierte Erinnerung, trifft mich in einer Zeit, in der KI nicht mehr Science-Fiction ist, sondern Alltag. Ich höre diesen Song und denke an Gespräche, die ich mit Sprachmodellen geführt habe, und plötzlich ist die Dystopie des Imperiums gar nicht mehr so weit weg.
Transformation folgt als reines Instrumental, und ich finde das einen sehr cleveren Schachzug. Keine menschliche Stimme mehr, nur noch Maschinen, die sprechen. Nach der emotionalen Wucht von Identität brauche ich diesen Moment der stillen Reflexion, und Kontrast liefern ihn mit bemerkenswertem Gespür für Dramaturgie.
Fiebertraum reißt mich dann aus dieser Stille, und zwar mit voller Absicht. Cluborientiert, harsch, Distorted Vocals, dazu weibliche Vocals im Refrain, die sofort hängenbleiben. Ich finde diesen Kontrast innerhalb des Albums enorm reizvoll. Von Ballade zu Instrumental zu Clubbanger, das ist keine Ratlosigkeit, das ist Kompetenz.
Highlights und ein ehrlicher Skip
Sekundenlicht kannte ich schon vor dem Album-Release und ich bin froh, dass er im Kontext des Gesamtwerks noch besser funktioniert als als Standalone-Single. Die VNV-Nation-Vibes sind da, atmosphärisch und treibend zugleich, zurecht in den Charts gelandet.
Sonnenwende ist für mich das emotionale Herzstück des Albums. Diese Ballade mit Piano und Streichern hat mich ehrlich erwischt. Katrin Möller, die hier als Nebelgeist auftritt, bringt eine Stimme mit, die perfekt zu diesem Stück passt. Ich denke an L Âme Immortelle und meine das als echtes Kompliment. Ganz großes Kino, ganz ehrlich.
12 von 10 als Intermezzo mit Nachrichtensprecher und der folgende Track Vampirlesben sind dann das einzige Mal auf diesem Album, wo ich kurz die Augenbraue hochziehe. Ich verstehe das Konzept, ich sehe das Augenzwinkern, ich erkenne, dass hier das zerbröckelnde Imperium auch eine gewisse sexuelle Befreiungsfantasie mit sich bringt. Aber die Vocals sind bewusst nervig platziert und ich komme nach mehrmaligem Hören zu demselben Ergebnis. Das ist für mich ein Skip-Moment. Für andere vielleicht nicht, und das ist absolut legitim.
Puls der Energie schließt das Album dann würdig ab. Retro-Computer-Charme, neue Energie für eine Zeit nach dem Imperium. Ein passendes Ende, das den Bogen sauber schließt.
Ein Gesamtwerk, das bleibt
Ich muss noch einen Moment bei Bruno Kramm innehalten. Dass der kürzlich verstorbene Label-Chef von Danse Macabre dieses Album zu Lebzeiten noch erleben durfte, ist ein Trost. Er hätte an diesem Werk seine helle Freude gehabt, und ich bin überzeugt, er nimmt den ein oder anderen Titel mit auf seine Reise in eine andere Dimension.
Imperium Proteus ist kürzer als manches Album, aber dafür erstaunlich dicht. Cassettenmensch, Ewiglich, Sekundenlicht, Sonnenwende sind für mich Songs, die ich so schnell nicht wieder loswerden werde. Und das Gesamtkonstrukt aus Tyrannis und Proteus ergibt als Doppelwerk einen Sinn, der über die Summe seiner Teile hinausgeht. Mir persönlich gefällt Proteus sogar minimal besser als Tyrannis, weil er mich klanglich und thematisch dort abholt, wo ich aufgewachsen bin. In einer Welt aus Kassetten, Synths und echten Fragen über Identität und Menschlichkeit. Kontrast haben etwas gemacht, das sich anfühlt wie ein ehrliches Kunstwerk, und das ist in der heutigen Szene alles andere als selbstverständlich.